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20. Jahrhundert -> 1957: Eine kostbare Anna-Selbdritt-Gruppe in Güdesweiler

Eine kostbare Anna-Selbdritt-Gruppe in Güdesweiler

Als Ortsbürgermeister Theophil Scherer aus Güdesweiler im April des Jahres 1957 von seinem Nachbarn Reinhold Sauer, Eigentümer des Anwesens Bliesener Straße Nr. 6, auf eine vermeintliche Gipsplastik aufmerksam gemacht wurde, ahnten beide kaum, daß sie ihre Aufmerksamkeit einem Kunstwerk widmeten, das viele, viele Jahre lang der Öffentlichkeit verborgen war. Es war reiner Zufall, daß der Bergmann Reinhold Sauer diese verstaubte, von Spinnweben behangene und unbeachtet auf dem Dachboden stehende Figurengruppe in die Hand nahm und vor sein Haus trug. Sie war ihm beim beabsichtigten Umbau einfach hinderlich. Er wollte sie aber auch nicht einfach stehen lassen, um sie später mit dem ganzen Bauschutt abzufahren. Irgendwie verspürte er doch zu der so anmutig und würdevoll dareinblickenden Frauengestalt eine innerliche Zuneigung. Er wußte nichts von der Statue; nur soviel, daß sie schon auf dem Dachboden stand, als er in das Haus seiner Frau einheiratete.

Seiner Schwiegermutter dagegen waren die Gesichter der Darstellungsgruppe nicht unbekannt. Sie erinnert sich ihrer Jugendzeit, wo harte Feld- und Gartenarbeit eine Selbstverständlichkeit für junge Mädchen waren. Als solches empfand sie es auch, wenn sie bei der Einbringung der Heu- und Grummeternte auf den Dachboden steigen und den Wintervorrat tüchtig niederzutreten hatte. Nur zu oft glitten dabei ihre Blicke zu der Darstellungsgruppe hinüber. Aus purem Mitleid über den kümmerlichen Standort, aber auch irgendwie angeregt von dem Darstellungsgehalt der Gruppe, wischte sie den Staub oberflächlich ab, entfernte Heublumen und Spinnengewebe. Es mußte eine Bewandtnis mit der Statue haben, denn hätte ihre Mutter ansonsten so oft von ihr gesprochen?

Es war ein Erbstück, von ihrer Großmutter bereits weitervererbt. Diese bekam es von dem Eremiten Michael Backes der Güdesweiler Kapelle aus Dankbarkeit geschenkt, weil sie ihn nur allzuoft mit Lebensmitteln und Feldfrüchten versorgte. Von ihm, der am 21.6.1760 in Güdesweiler geboren wurde, von 1785 bis zu seinem Tode am 20.3.1829 Verwalter und Verschönerer der Kapelle am jetzigen Friedhof war, noch mehr zu berichten, erscheint überflüssig. Backes trat die Nachfolge des Eremiten und Erbauers der Kapelle Johann Nonniger an, der am 29.7.1788 verstarb und auf dem Friedhof in Bliesen begraben liegt.

 

 


Reinhold Sauer hatte selbstverständlich nichts dagegen einzuwenden, als Ortsbürgermeister Scherer vorschlug, den Ortsgeistlichen von dem ans Tageslicht geförderten Fund zu verständigen. Pfarrer Denis erkannte sofort, daß dies, was man ihm zeigte, eine Ann-Selbdritt war, die Mutter Anna, auf ihrem Knie sitzend die Gottesmutter mit dem Jesuskind. Selbstverständlich war auch Pastor Denis überrascht. Daß diese religiöse nicht aus Gips, wie zunächst angenommen, bestand, sondern ein Schnitzwerk aus Holz war, veranlaßte ihn, Dozent Walter Hannig aus St. Wendel von dem scheinbar kostbaren Fund zu benachrichtigen.

Es war richtig so, wie sich in der Folgezeit herausstellte. Als geübter Kenner und Sachverständiger entfernte er zunäachst alle Schmutz- und Staubrückstände, löste vorsichtig die gröbsten Spuren unsachgemäßer Behandlung. In mühevoller Restaurierung legte er die Originalfarben frei.

Deutlich sichtbar und nur sehr schwierig wieder zu entfernen waren die an dem Kunstwerk sichtbaren Spuren einer falsch verstandenen "Moralrettung", in diesem Falle eine Verschandelung. Der auf dem Schoß der Mutter Anna sitzenden Gottesmutter - sie stillte nach dem Willen des Schnitzers das Jesuskind und führte dabei mit ihrer rechten Hand die Brust zum Munde des Kindes - hatte man die Brust einfach entfernt und das Holz mit groben Messerschnitten abgerundet.

Dabei sieht man jetzt noch deutlich die rechte Hand von Maria, wie sie vor ihrem Körper für diese mütterliche Handlung abgewinkelt ist.

Aber auch der Haltung des Jesus-Knaben wurde Gewalt angetan: Seinen Kopf, vormals der Mutterbrust zugeneigt, hatte man einfach abgeschnitten und ihn danach wieder so aufgeleimt, daß der Knabe in steifer Haltung an seiner Mutter vorbei blickte. Welch engstirniger Moralbegriff! Was vermochte wird hier sichtbar.

Aber noch etwas blieb dem fachmännischen Auge nicht verborgen. In den Rücken der Mutter Anna schnitzte der Künstler eine Vertiefung und verschloß sie mit einem Holzpfropfen. Wer aber verbarg den Inhalt in diese Vertiefung, einer Reliquie wie es scheint, in grobem Pergament eingewickelt? Keine Aufzeichnung verrät etwas hierüber und es wird auch weiterhin ein Geheimnis bleiben. Ungeklärt ist auch die Herkunft dieser wieder erkannten Kostbarkeit.

Vermutlich wurde die Figurengruppe im Jahre 1486 geschnitzt und soll in der alten St. Annen-Kapelle bei Alsfassen-Breiten auf dem jetzigen Kasernengelände gestanden haben. Wegen Baufälligkeit wurde die Kapelle um 1800 herum abgetragen. Genau läßt sich diese Vermutung nicht erhärten, ebensowenig der spätere Weg nach Güdesweiler. Man nimmt an, daß der Eremit von St. Anna die Kostbarkeit nach Güdesweiler brachte, oder aber, daß sie der Güdesweiler Eremit Michael Backes selbst nach Güdesweiler holte. Vieleicht hat sie mit der steinernen Kreuzigungsgruppe, die schon seit vielen Jahren den Hochaltar der Güdesweiler Pfarrkirche schmückt, lange Zeit hindurch in der alten Kapelle am Friedhof gestanden.

Alle finanziellen Kaufangebote ausschlagend hat Reinhold Sauer in dankenswerter Weise der katholischen Pfarrgemeinde Güdesweiler die Statue überlassen. In einer Wandnische der Pfarrkirche fand sie Aufstellung.

 



Quelle: Heimatbuch des Landkreises St. Wendel 1969/70.

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